13. Sonntag nach Trinitatis

Der verheißene Retter und seine barmherzigen Nachfolger – Gal 3,16–22, Luk 10,25–37
Liebe Christus-Gemeinde,
im Evangelium begegnet uns heute ein Mensch, der unter die Räuber gefallen ist. Er liegt verwundet am Straßenrand, hilflos und dem Tod nahe. Ein Priester kommt vorbei, dann ein Levit. Beide sehen ihn – und gehen weiter. Schließlich kommt ausgerechnet ein Samariter, ein Mann aus einer von den Juden verachteten Volksgruppe. Er bleibt stehen, verbindet die Wunden, gießt Öl und Wein darauf, hebt den Verwundeten auf sein Tier und bringt ihn in die Herberge.
Jesus sagt am Ende:
„So geh hin und tu desgleichen!“ Damit wird uns zunächst eine ganz praktische Frage gestellt: Wer ist mein Nächster? Die Antwort Jesu lautet nicht: Derjenige, der zu meinem Volk gehört, meine Sprache spricht oder meine Herkunft teilt. Mein Nächster ist der Mensch, den Gott mir in seiner Not vor die Füße legt.
Doch die Epistel aus Galater 3 führt uns noch tiefer. Denn hinter der Frage nach unserem Handeln steht die viel größere Frage: Wie wird überhaupt ein Mensch vor Gott gerettet?
1. Gottes Verheißung kommt vor dem Gesetz
Paulus erinnert die Galater daran, dass Gott Abraham eine Verheißung gegeben hatte. Und diese Verheißung kam lange vor dem Gesetz am Sinai. Paulus schreibt:
„Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen.“ Und dann erklärt er ausdrücklich, dass dieser entscheidende Nachkomme Christus ist. Das ist die große Linie der Heilsgeschichte: Gott gab Abraham eine Verheißung, und diese Verheißung findet ihr Ziel und ihre Erfüllung in Jesus Christus.
Das Gesetz wurde erst 430 Jahre später gegeben. Deshalb kann das Gesetz die vorher gegebene Verheißung Gottes nicht aufheben. Das bedeutet: Unsere Rettung beruht nicht zuerst darauf, was wir für Gott tun, sondern darauf, was Gott für uns verheißen und in Christus getan hat. Das Gesetz ist gut. Es zeigt uns Gottes Willen. Es nennt Gut und Böse beim Namen. Es deckt unsere Sünde auf. Aber das Gesetz kann den Sünder nicht lebendig machen. Paulus fragt deshalb:
„Ist denn das Gesetz gegen Gottes Verheißungen?“ Und antwortet: „Das sei ferne!“ Das Gesetz und die Verheißung sind keine Feinde. Aber sie haben unterschiedliche Aufgaben.
Das Gesetz zeigt unsere Krankheit. Christus bringt die Heilung. Das Gesetz zeigt unsere Schuld. Christus trägt unsere Schuld. Das Gesetz zeigt uns, dass wir den Tod verdient haben.
Christus schenkt uns das Leben.
2. Christus ist der wahre barmherzige Retter
Hier bekommt das Evangelium vom barmherzigen Samariter noch eine tiefere Bedeutung.
Der unter die Räuber gefallene Mensch kann auch ein Bild für uns selbst sein. Die Sünde, der Teufel und die Dämonen dieser Welt haben uns verwundet. Wir sind halbtot zwischen Himmel und Hölle, zwischen Jerusalem dort droben und Jericho unter dem Meeresspiel halbtot liegengeblieben. Wir können uns nicht selbst nicht mehr retten. Kein menschliches Werk und keine religiöse Leistung können uns ewiges Leben geben. Doch Christus kommt zu uns. Er geht nicht vorüber. Er sieht unsere Not. Er beugt sich zu uns herunter. Er nimmt unsere Schuld auf sich. Und er bezahlt selbst den Preis unserer Rettung.
In diesem Sinn können wir sagen: Jesus Christus ist der wahre barmherzige Samariter. Er tut für uns, was wir für uns selbst niemals hätten tun können. Darum heißt es in Galater 3,22:
„Die Schrift hat alles eingeschlossen unter die Sünde, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben.“
Unsere Hoffnung liegt also nicht in unserer Herkunft, nicht in unserer religiösen Leistung und nicht in unseren guten Werken. Unsere Hoffnung liegt allein in Christus.
3. In Christus gehören Menschen aller Völker zur Verheißung
Das war für die Gemeinde der Galater von entscheidender Bedeutung. Denn einige wollten ihnen einreden, sie müssten zusätzlich zu Christus bestimmte Vorschriften des jüdischen Gesetzes erfüllen, um wirklich zu Gottes Volk zu gehören. Paulus widerspricht entschieden. Die Verheißung Abrahams erfüllt sich in Christus. Und wer Christus im Glauben gehört, gehört damit zur Familie der Verheißung. Deshalb schreibt Paulus wenige Verse später:
„Hier ist nicht Jude noch Grieche … denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Und: „Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“
Vor Gott entscheidet also nicht die ethnische oder völkische Abstammung. Ein Deutscher besitzt keinen Vorzug vor einem Syrer. – Ein Jude besitzt keinen Zugang zu Gott ohne Christus.
Und ein Mensch aus irgendeinem anderen Volk ist nicht ausgeschlossen, wenn er Christus im Glauben angehört. Der Mittelpunkt der Verheißung ist nicht ein Volk, sondern eine Person: Jesus Christus.
4. Wer Barmherzigkeit empfangen hat, soll Barmherzigkeit weitergeben
Und damit kommen Galaterbrief und Samaritergeschichte wieder zusammen. Wir werden nicht durch unsere guten Werke gerettet. Doch wer durch Christus gerettet worden ist, wird zu guten Werken berufen. Wir werden aber nicht barmherzig, damit Christus uns rettet. Wir werden barmherzig, weil Christus uns gerettet hat. Darum sagt Jesus: „So geh hin und tu desgleichen.“
Vielleicht begegnet uns in dieser Woche ein Mensch, der nicht buchstäblich verwundet am Straßenrand liegt, aber innerlich ebenso verletzt ist: einsam, krank, verzweifelt, finanziell bedrängt oder ohne Hoffnung. Dann dürfen wir nicht nur fragen: „Was müsste eigentlich jemand tun?“ Sondern: Kann ich stehenbleiben? Kann ich zuhören? Kann ich helfen? Kann ich tragen? Kann ich diesen Menschen vielleicht sogar zu Christus und in die Gemeinschaft seiner Gemeinde führen? Denn wer erfahren hat, dass Christus sich zu ihm hinabgebeugt hat, der darf sich nun selbst zu anderen hinabbeugen.
Christus ist unser wahrer barmherziger Retter. Und seine Gemeinde soll in dieser Welt eine Gemeinschaft von Menschen sein, die seine Barmherzigkeit sichtbar macht.
Wir leben nicht durch unsere Werke, sondern durch die Verheißung. Wir werden nicht durch das Gesetz gerettet, sondern durch Christus. Aber weil Christus uns gerettet hat, gehen wir hin und tun desgleichen.
Das ist gelebte Barmherzigkeit. Amen.







