
Viele Menschen in der Gemeinde Christi – verschiedene Lebenswege – aber ein Herr in unserer Mitte“
Predigt 20. Sonntag n. Trinitatis zu Gen.14,17–20; Eph. 5,15–20; Matth. 22,1–14 und Joh. 13
Liebe Geschwister der Christus-Gemeinde!
Am vergangenen Donnerstag haben wir in der Alten Kapelle in Sargenzell ein außergewöhnliches Kunstwerk betrachtet: Leonardo da Vincis berühmtes „Letztes Abendmahl“, dargestellt als großer Samenteppich. Leonardo arbeitete ungefähr vier Jahre an seinem weltberühmten Bild. Es zeigt uns nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sondern auch eine geistliche Wahrheit über die Gemeinschaft der Kirche Christi. Zwölf Jünger sitzen mit Jesus am Tisch. Leonardo hat sie in vier Gruppen zu jeweils drei Personen angeordnet. Sie sprechen miteinander, gestikulieren, stellen Fragen. Manche sind erschrocken, andere nachdenklich, wieder andere beinahe aufgebracht. Doch in der Mitte sitzt Christus. Er ist der Mittelpunkt des Geschehens. Auf ihn beziehen sich die Gespräche und Reaktionen der Jünger.
Ist das nicht auch ein wunderbares Bild für unsere christliche Gemeinde?
1. Vier Gruppen – vier Lebenszeiten – eine Gemeinde
Auch unsere Gemeinde besteht aus unterschiedlichen Menschen. Vielleicht können wir sie mit den vier Gruppen der Jünger vergleichen.

Da sind zunächst Menschen im Lebensfrühling:
Kinder und Jugendliche, voller Erwartungen, Hoffnungen und Fragen nach ihrer Zukunft. Dann Menschen im Lebenssommer: mitten im Beruf, in der Familie, in Verantwortung und täglicher Arbeit. Oft sind ihre Tage ausgefüllt mit vielen Aufgaben. Andere befinden sich im Lebensherbst: Sie blicken auf Jahre voller Erfahrungen zurück, auf Gelingen und Scheitern, auf Freude und Enttäuschungen. Sie können anderen mit ihrer Lebenserfahrung helfen. Und schließlich gibt es Menschen im Lebenswinter: Ältere Gemeindeglieder, deren Kräfte vielleicht nachlassen, deren Glaube aber durch viele Lebensjahre gereift ist. Sie wissen oft besonders gut, wie sehr wir auf Gottes Gnade angewiesen sind.
Diese vier Lebenszeiten sind keine starren Gruppen. Und natürlich gibt es noch viele andere Unterschiede zwischen uns: verschiedene Begabungen, Überzeugungen, Interessen und eigene Lebensgeschichten.
Aber was verbindet uns? Nicht unser Alter, nicht unsere gemeinsamen Interessen und auch nicht immer unsere Meinungen – sondern Jesus Christus, unser Herr! Wie die Jünger gehören wir zusammen, weil Christus uns zu seiner Gemeinschaft der Erlösten berufen hat.

2. Die großzügige Güte Christi – sogar gegenüber Judas
Unser Tagesgebet beginnt mit der Bitte: „O allmächtiger und allbarmherziger Gott. Wir bitten Dich: Bewahre uns nach Deiner großzügigen Güte vor allem, was uns schaden kann.“
Wie wunderbar zeigt sich diese großzügige Güte Christi beim letzten Abendmahl! Jesus kennt seine Jünger. Er weiß um ihre Schwächen, ihren Stolz, ihre Zweifel und ihre bevorstehende Untreue. Er weiß sogar, dass Judas ihn verraten wird.
Im Bild sitzt Judas im Schatten, unter den Jüngern, mit dem Geldbeutel in seiner Hand. Seine Gedanken kreisen um seine eigenen Pläne, um Geld und Verrat. -Und dennoch sitzt auch er noch am Tisch mit Jesus! Christus hat ihn nicht vorher verstoßen. In Johannes 13 lesen wir sogar, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Seine dienende Liebe schließt zunächst auch Judas ein. Welch ein Bild göttlicher Geduld! Aber diese Liebe hebt unsere persönliche Verantwortung nicht auf. Judas entscheidet und verlässt schließlich diese Gemeinschaft und geht seinen eigenen Weg.
Auch wir müssen uns fragen: Wo stehen wir innerlich? Sind wir mit unserem Herzen bei Christus? Oder lassen wir uns von eigenen Wünschen, Interessen und Versuchungen der glitzernden Welt beherrschen?
3. Das Mahl des Herrn – Christus verbindet und verändert uns
Schon unsere alttestamentliche Lesung berichtet davon, wie Melchisedek, der Priester Gottes, dem Abraham Brot und Wein bringt und ihn dann segnet. Die christliche Tradition erkennt darin einen Vorläufer auf das größere Heil, das Christus uns jetzt schenkt. Beim letzten Mahl nimmt Jesus Brot und Wein und gibt ihnen eine neue Bedeutung: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Und: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ (Lukas 22,19–20).
Hier liegt das Geheimnis unserer Gemeinschaft. Wir kommen nicht an den Tisch des Herrn, weil wir vollkommen wären. Wir kommen als Menschen, die seine Vergebung und Gnade brauchen. Christus lädt uns ein, durch seinen Tod und seine Auferstehung nun am neuen Bund teilzuhaben. Im Herrenmahl erinnern wir uns nicht nur an ein längst vergangenes Ereignis. Christus stärkt uns im Glauben und versichert uns seiner Gnade. Wir empfangen Brot und Wein als sichtbare Zeichen seiner Hingabe für uns. Durch den Heiligen Geist will er unseren Glauben erneuern und unser Leben verändern. So dürfen wir, obwohl wir unterschiedlich sind, ein Leib – eine Gemeinschaft – in Verbindung mit Christus sein.
4. Die Einladung verpflichtet zu einem neuen Leben
Im heutigen Evangelium erzählt Jesus vom königlichen Hochzeitsmahl. Der König lädt viele Menschen ein, doch nicht alle nehmen seine Einladung an. Und schließlich begegnet uns ein Gast ohne Hochzeitsgewand. Diese ernste Stelle erinnert uns daran: Gottes Einladung ist großzügig, aber sie darf nicht gleichgültig behandelt werden. Wer Christus im Glauben empfängt, soll auch bereit sein, sein Leben von ihm verändern zu lassen.
Darum fordert Paulus uns in Epheser 5 auf: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise.“
Unsere Teilnahme am Herrenmahl soll uns verwandeln – nicht der Priester die Elemente – durch den Geist Gottes sollen wir und die Gegenwart Christi verändert werden. Auswirkungen auf unseren Alltag haben: auf unsere Worte, unseren Umgang miteinander, unsere Bereitschaft zu vergeben und Menschen in Not zu helfen.
Nicht jedoch, um dadurch Gottes Gnade zu verdienen, sondern ganz reformatorisch – aus Dankbarkeit für die Gnade, die wir bereits empfangen haben.
5. Mit unserem ganzen Leben Gottes Willen freudig erfüllen
Unser Tagesgebet schließt mit der Bitte: „Dass wir mit Leib und Seele bereit sind, die Dinge freudig zu vollbringen, die Du gebietest.“
Das ist das Ziel unserer heutigen Predigt. Die Jungen sollen mit ihren Gaben dienen, die Menschen in der Lebensmitte mit ihrer Kraft und Verantwortung, die Älteren mit ihrer Erfahrung und die Hochbetagten mit ihrem Gebet, ihrer Treue und ihrem Glaubenszeugnis.
Keiner ist überflüssig. Jeder wird gebraucht! Das Herrenmahl verwandelt und verändert uns und führt uns zusammen, stärkt unsere Gemeinschaft und sendet uns wieder hinaus in die Welt.
Liebe Gemeinde, wenn wir künftig das Bild von Leonardo da Vinci betrachten, dann erinnern wir uns daran: Wir sind verschieden – aber Christus ist unsere gemeinsame Mitte. Wir haben unterschiedliche Lebenswege – aber einen Herrn. Wir empfangen dieselbe Gnade – und sind berufen, mit unserem ganzen Leben darauf zu antworten.
Möge Christus uns darum bewahren, im Glauben stärken und unsere Herzen bewegen, seinen Willen nicht widerwillig, sondern freudig und dankbar im Alltag zu erfüllen. Amen.






