
Römer 8,18–23 – 4. Sonntag nach Trinitatis
Unser Wochengebet führt uns heute in eine wichtige christliche Bitte hinein:
„Vergrößere und vermehre in uns Deine Gnade, damit wir unter Deiner Leitung und Führung die guten zeitlichen Güter so gebrauchen, dass wir darüber am Ende die ewigen nicht verlieren.“
Damit wird eine Spannung beschrieben, in der wir alle leben: Wir leben in dieser Welt, wir gebrauchen zeitliche Güter, wir erfahren Freude, Arbeit, Familie, Besitz, Gesundheit. Aber zugleich wissen wir: Diese Welt ist nicht das Letzte. Alles Irdische ist vergänglich. Darum bittet die Kirche Christi: Herr, gib uns so viel Gnade, dass wir das Zeitliche recht gebrauchen und darüber das Ewige nicht verlieren.
Paulus beschreibt diese Spannung in Römer 8 mit starken Worten:
„Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“
1. Das Leiden dieser Zeit ist wirklich
Paulus redet das Leid nicht klein. Er kennt Verfolgung, Enttäuschung, Schmerzen, Gefängnis, Angst und menschliche Schwachheit. Und er weiß: Das Leiden gehört zu dieser gefallenen Welt. Seit dem Sündenfall ist die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen. Krankheit, Tod, Krieg, Ungerechtigkeit, seelische Not, Enttäuschungen und Tränen gehören zu diesem gegenwärtigen Zeitalter.
Friedjof C., ein Bekannter aus Eisenach, durfte als Jugendlicher in der DDR nicht Musik studieren, weil er Mitglied der lutherischen Kirche war und nicht zur kommunistischen Partei oder zur FDJ gehören wollte. Seine Zukunft schien verbaut. Doch er ließ sich durch diese Schwierigkeit nicht zerstören. Später durfte er ein christliches Diakoniewerk mit Kindergärten und einem Therapiehof mit aufbauen und leiten.
Das zeigt: Leiden kann den Menschen bitter machen. Aber es kann ihn auch tiefer zu Gott führen. Entscheidend ist nicht nur, was uns widerfährt, sondern wie wir im Glauben darauf schauen, auf Gott warten und dann handeln.
Auch wir fragen: Gibt es heute noch Leid wegen des Christseins? In Europa vielleicht selten in Form offener Verfolgung. Aber es gibt Spott, Ablehnung, innere Kämpfe, Versuchungen, Müdigkeit, Glaubensnot. Und es gibt das allgemeine Leiden dieser Welt, das auch Christen trifft.
Paulus sagt nicht: Ein Christ leidet nicht. Er sagt: Das Leiden hat nicht das letzte Wort.
2. Paulus legt Leid und Herrlichkeit auf die Waage
Man kann sich eine alte Apothekerwaage vorstellen. Auf der einen Seite liegt alles Leiden dieser Zeit: Krankheit, Schmerzen, Verluste, Schuld, Ängste, Tränen, das Seufzen der Schöpfung. Auf der anderen Seite liegt die Herrlichkeit Gottes, die an den Kindern Gottes offenbar werden soll.
Welche Schale ist schwerer?
Paulus sagt: Die zukünftige Herrlichkeit wiegt so viel mehr, dass die Leiden dieser Zeit dagegen nicht ins Gewicht fallen. Nicht weil das Leiden bedeutungslos wäre. Nicht weil unsere Tränen Gott egal wären. Sondern weil Gottes kommende Herrlichkeit größer ist als alles, was uns jetzt bedrückt.
Auch Mose hat so abgewogen. Er hielt „die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens“, denn er sah auf die zukünftige Belohnung. Mose schaute nicht nur auf das Sichtbare, sondern auf Gottes Verheißung.
So sollen auch wir lernen zu fragen: Was ist zeitlich? Was ist ewig? Was vergeht? Was bleibt? Genau darum beten wir im Wochengebet: dass wir die guten zeitlichen Güter gebrauchen, aber darüber die ewigen nicht verlieren.
3. Die ganze Schöpfung seufzt und wartet
Paulus weitet den Blick: Nicht nur wir Menschen seufzen. Die ganze Schöpfung seufzt. Alles ist der Vergänglichkeit unterworfen. Auch die Natur trägt Spuren des Sündenfalls. Schönheit und Schmerz liegen nah beieinander.
Aber dieses Seufzen ist nicht hoffnungslos. Paulus sagt: Die Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Sie wartet auf den Tag, an dem Christus wiederkommt, an dem die Toten auferstehen, an dem der Leib erlöst wird, an dem Gott alles neu macht.
Das Bild ist stark: Es ist, als würden sich überall Fenster öffnen. Köpfe schauen heraus. Alle warten gespannt. Der Festzug ist schon zu hören, aber noch nicht sichtbar. Die Hoffnung streckt den Hals aus nach dem, was kommt.
So leben Christen: Wir seufzen noch, aber wir warten. Wir leiden noch, aber wir hoffen. Wir haben den Heiligen Geist als Erstlingsgabe empfangen, als Angeld der kommenden Herrlichkeit.
4. Die ewigen Güter nicht verlieren
Darum ist die Bitte des Wochengebets so wichtig. Die zeitlichen Güter sind nicht böse. Essen, Arbeit, Haus, Familie, Gesundheit, Musik, Freude, Besitz — all das sind gute Gaben Gottes. Aber sie dürfen nicht zu unserem Gott werden. Sie dürfen uns nicht so gefangen nehmen, dass wir das Ewige verlieren.
Denn die größte Gabe ist nicht das irdische Glück, sondern Christus selbst. In ihm sind wir Kinder Gottes. In ihm sind wir Erben Gottes und Miterben Christi. In ihm wird die Herrlichkeit Gottes einmal an uns offenbar werden.
Wenn Christus erscheint, werden die Kinder Gottes sichtbar werden. Dann wird die Herrlichkeit nicht nur vor uns stehen, sondern an uns und in uns offenbar werden. Christus, das Licht der Welt, wird uns erleuchten. Wir werden ihn sehen, wie er ist.
Darum: Lasst uns das Zeitliche dankbar gebrauchen, aber das Ewige höher achten. Lasst uns im Leiden nicht verzweifeln, sondern auf Christus schauen. Lasst uns nicht an der Vergänglichkeit hängen, sondern auf die kommende Herrlichkeit warten.
Und wenn unsere Waagschale des Leidens heute schwer erscheint, dann lasst uns im Glauben die andere Schale sehen: die ewigen Güter Gottes im Himmel, die Herrlichkeit Christi, die Erlösung unseres Leibes, die neue Schöpfung, das Leben ohne Tränen, ohne Schuld, ohne Tod.
Diese Herrlichkeit will Gott seinen Kindern schenken.
Darum beten wir: Herr, vermehre in uns Deine Gnade, damit wir die zeitlichen Güter recht gebrauchen und am Ende die ewigen Güter im Himmel empfangen. Amen.
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